Bilder von untergegangenen Landschaften des Westerwaldes

 

Am 24. Oktober 2025 zeigte uns Naturexperte und Heimatforscher Antonius Kunz Bilder und Denkanstöße zur Landschaft im Wandel

  

Foto: W. Burenz
Foto: W. Burenz

Warum sind Kiebitze, Bekassinen, Heidelerchen und Steinschmätzer aus dem Westerwald verschwunden?

In seiner Vortragsreihe ist Naturexperte und Heimatforscher Antonius Kunz aus Nister bei Hachenburg am 24.10.2024 in die Westerwaldhalle nach Rennerod gekommen und nahm uns mit in Zeiten, als der Westerwald noch ein raues Gebirge war. Mit Liebe zum Detail, zur Natur und den Menschen hat er nachgeforscht im umfangreichen Archiv des Landschaftsmuseums Westerwald in Hachenburg alte Texte, Bilder und Postkarten betrachtet und auch direkt mit älteren Leuten vor Ort gesprochen. Was wir uns heute kaum noch vorstellen können, macht er in frühen Bilddokumenten und Kartenbildern anschaulich. Weite Flächen mit Basaltknollen und sumpfigen Wiesen prägten den Hohen Westerwald. Mit ihren zahllosen Windungen und Schotterbänken nahm die Nister wesentlich mehr Raum ein als heute. Weiher wurden schon damals angelegt und so ist überliefert, dass sich auf dem früheren Krombacher Weiher eine große schwimmende Insel mit Birken bewegte. Da wo kein Ackerbau möglich war, lagen ausgedehnte Gemeindeviehweiden. Mit steinigem und nassen Grund kam das Westerwälder Rind bestens klar. Es lieferte keine Höchsterträge an Milch, war dafür genügsam und ein sehr ausdauerndes Zugtier. Noch um 1930 auf Fotos präsentieren sich Westerwälder Viehzüchter stolz mit diesen Rindern, die  höchste Preise auf Landwirtschaftsmessen in München oder Köln und anderswo geholt hatten. Eher klein, mit dichtem rotbraunen Fell und weißer Blässe waren sie Sympathieträger. Ihre dichten und festen Hufe brauchten im Unterschied zu anderen Rinderrassen nicht beschlagen zu werden.

Foto: Landschaftsmuseum WW
Foto: Landschaftsmuseum WW

Ausgedehnte Moore hatte es im Westerwald nie gegeben, kleinere moorige Bereiche waren aber verbreitet in den flachen Senken des Hohen Westerwalds. Das Derscher Geschwemm auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Stegskopf war das größte von ihnen. Um militärische Übungsflächen trockenzulegen, wurde jedoch ein beachtliches unterirdisches Kanalsystem verlegt. Erst wenn diese Drainagen wie geplant zurückgebaut sind, steht wieder ausreichend Wasser für die Regenerierung des Moores zur Verfügung. Ein typisches Landschaftselement der Gemeindeviehweiden waren Heiden mit „Erika“(Besenheide), Borstgras und Wacholder. Im Juni waren Flächen gelb vom Besenginster. Auf natürliche Weise düngt dieser Schmetterlingsblütler den Boden. Das hat man sich zunutze gemacht. Heiden und Gemeindeviehweiden sind bis auf einige Reste verschwunden. Zumeist aufgeforstet, wurden diese Flächen im Gemeinschaftsbesitz vielerorts später auch zu Gewerbegebieten. Bemerkenswert waren die Bestände von Kiebitzen im damaligen Feuchtgrünland insbesondere um Ailertchen und an der Westerwälder Seenplatte. Die Eier wurden massenhaft eingesammelt und als Delikatesse bis in die Niederlande verkauft. Begehrte Sammlerstücke waren Eier mit seltenen und ausgefallenen Mustern. Die Flecken auf Kiebitzeiern sind in Farbe und Form sehr individuell und variabel. Nachdem die Vögel nachgelegt hatten wurden ihnen die Eier ein zweites Mal genommen. Das dritte Gelege wurde dann aber nicht mehr angerührt. Letztlich sind die Kiebitze nicht durch Eierklau ausgestorben, sondern ebenso wie die Bekassinen durch die Trockenlegung weiter Grünlandflächen. Mit den Heideflächen sind auch die Heidelerchen verschwunden und das systematische Einsammeln der Basaltknollen führte dazu, dass von den einst häufigen Steinschmätzern keiner mehr geblieben ist.

Foto: Marion Höppner 2021 Waigandshain
Foto: Marion Höppner 2021 Waigandshain

Bis heute bekannt ist der vor 200 Jahren tätige nassauische Regierungsrat Wilhelm Albrecht für das Anlegen von Fichtenstreifen zum Windschutz. So sollte der wenig ergiebigen Landwirtschaft im Hohen Westerwald geholfen werden. Nachforschungen bringen jedoch zu Tage, dass er viel wirkungsvoller bei der Begradigung der Nister war. Für Fichtenstreifen mussten Landwirte Flächen abgeben, dagegen konnte mit der Flussregulierung Grünland hinzugewonnen werden. Auf Grund des flachen, hochplateau-artigen Reliefs floss die Nister nicht wie sonst typisch für Mittelgebirgsbäche in einem geraden steilen Oberlauf sondern durch vielen Schleifen mit Schotterbänken. Diese sind zwischen Neustadt und Dammühle mit der Begradigung fast komplett verschwunden. Nur in einem kleinen Teilbereich konnte sich der Fluss dem widersetzen. Das Graben war noch nicht so mechanisiert wie heute und so sind zwei Schleifen geblieben.

 

Das Foto zeigt den letzter Kuhhirten im Hohen Westerwald Ewald Groß.

 

Antonius Kunz erwähnt die Menschen und ihre beruflichen Tätigkeiten auf alten Bildern. Fragt schon mal in die Runde nach Namen und Familienzugehörigkeit. Der Vortrag spricht besonders ältere geschichtsinteressierte Einwohner an, aber nicht nur.

Wenn ich durch unsere Naturschutzgebiete im Hohen Westerwald gehe, die Schautafeln auf der Fuchskaute, an der Krombachtalsperre sowie auf der Wacholderheide ansehe und lese, begegnet mir immer wieder ein Stück Landschaftsgeschichte. Im Vortrag von Antonius Kunz bekommen ich das in einer wunderbaren Gesamtschau, die ich vorher so nicht hatte. Deshalb möchte ich diese Vorträge auch jüngeren naturinteressierten Zuhörern empfehlen: meint Frank Ebendorff vom NABU-Rennerod.

Unsere Naturschutzgebiete sind zumeist Reste der einstigen artenreichen Landschaften. Es ist schwer, diese unter heutigen Bedingungen zu erhalten. Abschnitte der Nister werden jetzt renaturiert. Also zurück zur Vergangenheit? Das wird so nicht gehen, aber es ist auf jeden Fall spannend und lehrreich zu sehen, wie es früher war und hier und da was mitzunehmen für die Gestaltung der Landschaft von morgen.